Kirchen und Protest in Belarus: Aktivismus oder Theologie der Befreiung?

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Die Kirchen in Belarus waren bislang bei politischen Protesten weitgehend unsichtbar. 2020 hat sich dies jedoch radikal verändert. Vor und nach der Präsidentschaftswahl im August haben sich mehrere Kirchenvertreter des Landes kritisch positioniert – ein Vorgang, der in verschiedener Hinsicht bemerkenswert ist. Belarus ist im Vergleich mit anderen postsowjetischen Ländern weniger religiös. Obwohl sich eine Mehrheit der Bevölkerung mit der Belarusischen Orthodoxen Kirche identifiziert, ist eine mit Russland oder der Ukraine vergleichbare kulturelle Bedeutung oder politische Lobbiierung nicht zu beobachten. Die römisch-katholische Kirche ist als zweitgrößte Gemeinschaft öffentlich präsent, allerdings ohne den nationalen identitätsstiftenden Anspruch, den etwa die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine vertritt. Protestantische Gemeinden und andere Religionen stellen kleinere Minderheiten dar. Das autokratische Regime Aljaksandr Lukaschenkas garantiert Religionsfreiheit unter den Bedingungen politischer Nichteinmischung bzw. Loyalität. Es wundert daher nicht, dass bei vergangenen politischen Protesten keine Religionsgemeinschaft durch eine aktive Teilnahme oder Positionierung aufgefallen war.

Neue Sichtbarkeit von christlichem Protest

Anders bei den Wahlen 2020: Bereits im Vorfeld hatten katholische Gläubige mit dem Slogan „Ein Katholik fälscht nicht“ Wahlhelfer*innen aufgefordert, mögliche Wahlfälschungen nicht zu unterstützen. Kurz vor der Wahl nahmen orthodoxe Gläubige die Initiative auf mit dem Slogan „Orthodoxe sind gegen Fälschung, Erniedrigung der Person und Unterdrückung“, der im Internet große Verbreitung fand. Angesichts der Repressionen gegen die Opposition vor den Wahlen fanden orthodoxe, katholische und protestantische Priester deutliche Worte in Predigten und in sozialen Medien. Konsequent wurden die im orthodoxen Umfeld üblichen Vorwürfe des unorthodoxen politischen Aktivismus mit dem Verweis auf die Achtung christlicher Grundwerte wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Freiheit und Gewaltlosigkeit abgewiesen.

Als nach dem offensichtlichen Wahlbetrug im ganzen Land friedliche Massenproteste gewaltsam unterdrückt wurden, entwickelte der christliche Protest eine neue und für den postsowjetischen Raum einmalige Dynamik. Obwohl sowohl Patriarch Kirill von Moskau als auch Metropolit Pavel von Minsk in protokollarischer Formalität umgehend Lukaschenka zum Wahlsieg gratulierten, traf sich Metropolit Pavel kurz darauf mit Opfern der Polizeigewalt in einem Krankenhaus und kam persönlich zu einem ökumenischen Gebet für den Frieden und sprach mit Gläubigen über die Lage der Protestierenden und Gefangenen. Der katholische Erzbischof von Minsk, Tadeusz Kondrusiewicz, äußerte klare Kritik an dem Vorgehen der Machthabenden. Beide Kirchenvorsteher wurden kurz darauf aus Belarus entfernt, Metropolit Pavel durch eine Abberufung des Moskauer Patriarchats, der sich auf einer Reise befindliche Erzbischof Kondrusiewicz durch ein Einreiseverbot der belarusischen Regierung. Allerdings schränkte das die klare und öffentliche Haltung beider Kirchen nicht ein. Statt der zum Schweigen gebrachten Kirchenführer äußerten sich andere Priester und Bischöfe deutlich zu den Repressionen. Die Solidarität der Gläubigen mit den politischen Gefangenen und Opfern der Polizeigewalt war und ist ungebrochen und kommt in öffentlichen Gebeten, offenen Briefen und Erklärungen sowie materieller Unterstützung zum Ausdruck.

Kirchliche Traditionen und zivilgesellschaftliche Praxis

In der katholischen und den protestantischen Kirchen beruht der öffentliche Widerstand gegen politisches und gesellschaftliches Unrecht auf einer sozialethischen theologischen Tradition. Die Haltung der katholischen Bischöfe mit Bezug auf die politische Situation im Land hätte darum eine öffentliche Unterstützung durch den Vatikan erwarten lassen. In einem Offenen Brief hatte sich Swjatlana Zichanouskaja an den Papst gewandt, um ihn mit kenntnisreichen Verweisen auf seine jüngste Sozial-Enzyklika „Fratelli Tutti – Über die Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft“ um eine klare Kritik an der staatlichen Gewalt zu bitten. Angesichts dieser beeindruckenden theologischen Kompetenz im Team des Koordinierungsrates der Opposition ist das Schweigen aus Rom und die ambivalente Haltung der römischen Diplomaten in Minsk besonders fragwürdig.

In der Orthodoxie fehlt eine solche theologisch-sozialethische Tradition. Umso bemerkenswerter ist die Ausdauer der orthodoxen öffentlichen Beteiligung, zumal diese sich nicht nur zum politischen Unrecht, sondern auch zur innerkirchlichen Loyalität mit dem Unrechtsregime verhalten muss. Mehrere Priester wurden nach öffentlicher Solidarisierung mit den Opfern staatlicher Repressionen nicht nur von staatlichen Sicherheitsorganen befragt und teilweise verhaftet, sondern auch von der Kirchenleitung verwarnt oder suspendiert. Anfang Januar drohten die staatlichen Organe sogar, die Kirche zu liquidieren, falls diese die Kritiker*innen nicht zum Schweigen bringt. Allerdings zeigen auch mehrere Kündigungen bzw. Rücktritte in den leitenden Strukturen der Kirche, dass gesellschaftskritisches Denken keine marginale Erscheinung in der Kirche ist, die durch Diskreditierung und Verfolgung einiger Aktivist*innen einfach zum Schweigen zu bringen ist.

Theologischer Grasswurzel-Aufbruch

Verfolgt man einige der öffentlich sicht- und hörbaren orthodoxen Stimmen, so bestätigt sich die Wahrnehmung, dass es sich weniger um sporadischen Aktivismus im Zuge der Proteste handelt, sondern um eine systematische theologisch-kritische Reflektion auf gesellschaftspolitische Unrechtsstrukturen. Die im Internet einsehbaren Predigten, Blogbeiträge und Diskussionen in sozialen Netzwerken, etwa von Bischof Artemij von Grodno, den Priestern Alexander Kuchta (Minsk), Dmitrij Pavljukevic (Grodno) Georgij Roy (Grodno), Vladimir Drobyschewski (Gomel) oder Priester Alexander Shramko (Minsk) sowie das unabhängige theologische Journal „Zbožža“ zeugen von einer langjährigen, orthodox fundierten sozialethischen Bewertung sozialer und politischer Vorgänge in Belarus und in der Orthodoxen Kirche.

Diese theologisch fundierte gesellschaftliche Haltung widerspricht auch dem Vorwurf einer Politisierung, mit dem zivilgesellschaftliches Engagement üblicherweise durch die Kirchenleitung und politische Stimmungsmacher diskreditiert werden soll. Auch in der orthodoxen Beteiligung an den Protesten finden sich keinerlei nationale oder andere identitätsstiftende Ansprüche. Im Vordergrund stehen grundlegende ethische Forderungen nach Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Freiheit und Wahrheit, die ohne politische Losungen oder Feindbilder auskommen. Auch die aktive, ökumenische Beteiligung an der Arbeit des Koordinierungsrates ist in dieser Hinsicht bemerkenswert. Die Arbeitsgruppe „Christliche Vision“ bringt eine Perspektive für das neue Belarus ein, die keinerlei moralische oder historische Deutungshoheit einfordert. Neben der religiösen Pluralität und einer säkularen politischen Elite ist auch die kompetente theologische Haltung der beteiligten Theolog*innen dafür entscheidend.

Ist die Rede von einer „orthodoxen Befreiungstheologie“ für diese ungewöhnlichen Entwicklungen berechtigt? Tatsächlich wird sich zeigen müssen, ob die Ansätze eines solchen theologischen Denkens systematisiert und damit über die aktuelle politische Krise hinaus für weitere soziale Themen fruchtbar gemacht werden können. Internationale Beispiele zeigen, dass eine Autorisierung durch die Kirchenleitung keine Bedingung für ein konsistentes theologisches Konzept ist. Allerdings wären eine bleibende Distanz zu politischen Ideologien und eine internationale Solidarität akademischer Theologie wichtige Aspekte für die Weiterentwicklung des sozialethischen Potentials.


Regina Elsner ist Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS.

Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien