Predigt über Apg 12,1-11 am 9.10.2022 in der Bartholomäuskirche / Dortmund (Pfr. Jens Nieper)

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Am 9. Oktober 2022 in der Evangelischen Kirche St. Bartholomäus in Dortmund fand ein Solidaritätsgebet mit Belarus statt. Der Pastor dieser Gemeinde, Jens Nieper, hielt eine Predigt über die Apostelgeschichte 12,1-11, die er den belarussischen politischen Gefangenen widmete. Es war seine Antwort auf die apostolische Lesung und auf drei Geschichten von belarusischen politischen Gefangenen Christen – der orthodoxen Tatjana Lassitsa, dem Katholiken Alexander Danilowitsch und dem Reformierten Wladimir Matskewitsch, die Natallia Vasilevich im Gottesdienst erzählte.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unsere Vater, und dem Herrn Christus Jesus!

„Jedes Kind braucht einen Engel“ — dieses Lied kennen viele von uns. Unser Organist Uwe Kaminski spielt es ja gern, wenn in unserer Gemeinde ein Kind getauft wird.

Offensichtlich brauchen aber nicht nur Kinder einen Engel, sondern auch Petrus. In der Geschichte haben wir es ja eben gehört. Petrus wird gefangen und ein Engel befreit ihn in wunderbarer Weise. Eigentlich genau so, wie man sich das von einem Engel vorstellt: der Engel hat kein Problem, die Ketten zu sprengen und verschlossene Türen zu öffnen. Und das alles, ohne daß die Wachen etwas bemerken.

Wunderbar – zu wunderbar und märchenhaft klingt diese Geschichte. Viele von denen, die in Belarus in den Gefängissen und Lagern des Lukaschenka-Regimes einsitzen, werden die biblische Geschichte von der Befreiung des Petrus kennen. Ob sie für sie eine Hoffnungsgeschichte ist? Ob sie die Zuversicht nährt, daß auch ihre Ketten früher oder später abfallen und die Kerkertore aufspringen?

Oder klingt solch eine Geschichte für die Gefangenen eher wie der blanke Hohn? Zynisch angesichts von Rechtsunsicherheit und Willkür, von Drangsalierung und Bösartigkeit?

Das Nobelpreiskomitee war ja so nett und aufmerksam, passend für unseren heutigen Solidaritätsgottesdienst am Freitag dem belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazk den Friedensnobelpreis zu verleihen [augenzwinkend]. Bjaljazk ist auch einer der vielen Inhaftierten in Belarus. Einer von denen, denen ein Engel zur Befreiung guttäte. Er reiht sich ein in die Beispiele, die wir eben ja vorgestellt bekommen haben.

Nein, die Apostelgeschichte lässt sich nicht einfach 1:1 auf die Situation in Belarus übertragen – auch wenn es auf den 1.Blick verführerisch ähnlich klingt. Präsident Lukaschenka ist nicht der König Herodes. Und der getötete Jakobus und der gefangene Paulus sind nicht die Bürger eines Staates, die sich für Freiheit und Demokratie, Recht und Sicherheit einsetzen.

Aber ganz unähnlich sind sich die biblische Geschichte und die Lage in Weißrußland auch nicht. Denn letztenendes geht es in beiden Geschichten um Macht. Um bedrohte Macht. Hier um eine neue religiöse Bewegung, die die Ordnung infrage stellt, dort um Bürger- und Menschenrechte, die das Regime delegitimieren.

Und die Folge war vor 2000 Jahren nicht anders als es heute ist: Tod und Gewalt, Unterdrückung und Haft.

Die Bibel erzählt, daß die christliche Gemeinde auf Mord und Gefangenschaft ihrer Anführer mit Gebet reagierte.

Und das ist die Antwort darauf, was wir tun können – ja tun sollen – angesichts der ungerechten Lage in Belarus: Beten.

„Nur beten?“, werden jetzt einige fragen. „Was ist denn schon beten?“. Die Bibel zeigt, daß Beten manchmal mehr bewirkt, als man sich gemeinhin vorstellt. Und das ist nicht nur ein statement der Bibel: Ich kennen aus der Ökumene viele Menschen, die das Füreinander-Beten sehr ernst nehmen. Ich engagiere mich ja vor allem für den Nahen Osten. Und oft habe ich schon Glaubensgeschwister getroffen, die ganz ernsthaft sagen: „Betet für uns. Wir spüren, wenn Ihr für uns betet. Es hilft uns.“.

Solche Worte sind für mich weit mehr als nur frommes Gerede, kirchliche Floskeln, die man sagt, weil man es halt so tut. Für mich sind das glaubwürdige Glaubensaussagen. Sie sind die Ermutigung, Gott als dem Empfänger unserer Gebete mehr zuzutrauen, als dies unsere Alltagserfahrungen nahelegen.

Ja, möglicherweise sendet Gott als Reaktion auf unsere Gebete seine Engel aus, um Menschen zu retten und zu befreien. Vielleicht sind das Engel als überweltliche Lichtgestalten mit wunderbaren Kräften. Vielleicht sind es aber auch ganz menschliche Engel. Menschen, die etwas bewegen. Menschen, die Unerwartetes bewegen, die Verhältnisse ändern und so Freiheit bringen.

Wir denken dabei heute und aufgrund unserer Partnerschaft nach Minsk besonders an Belarus. Aber ich bin mir sicher, daß nicht nur ich dabei auch die Ukraine und Rußland im Hinterkopf habe. Und dahinter reihen sich viele Länder ein, denen Engel auch gut täten: im Nahen Osten, in Afrika, in Ostasien, in Lateinamerika.

Und in gewisser Weise Reihen wir uns damit in die Engelsschar ein. Denn mit unserem Beten, mit unserem Informieren, mit unserem Nachdenken und unserem Aufmerksamwerden werden wir eben auch aktiv. Wir sind sozusagen die Hintergrundlogistik für die Engel an der „Front“, für die Engel, die im Ernstfalleinsatz sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre für diese Aufgabe Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!