Andacht für Belarus am 12. Januar in Berlin

Am 12. Januar um 18:00 hat die wöchentliche Andacht für Belarus in Berliner Gethsemanekirche stattgefunden.

Der Text der Andacht am 12. Januar:

Es ist und bleibt erstaunlich: Woche für Woche wird der Protest in Belarus fortgesetzt. Die Menschen sammeln sich in kleinen Grüppchen, ziehen mit Flaggen durch ihre Wohnviertel und geben die Tradition der Sonntagsmärsche nicht auf. Ein Video in der U-Bahn von Minsk zeigt, wie die Passagiere ihre Hosenbeine anheben und Socken in weiß-rot-weiß erscheinen. Das mag verzweifelt wirken, zeigt aber das die Stimmung sich nachhaltig gewandelt hat und der Wunsch nach einem Wandel nicht aus den Menschen herausgeprügelt werden kann.

Während der Neujahrsfeiertage gab es einige wenige Tage ohne Festnahmen, aber nun gehen die Razzien, Repressionen und Festnahmen unvermindert weiter. Heute las ich von einem Kinderhospiz in Grodno, deren Leiterin ins Ausland fliehen musste, da sie massiv bedroht wurde. Im Frühjahr, als auch in Belarus Corona ausbrach und der Staat die Menschen allein ließ, wurden in der Einrichtung Schutzmasken für die Krankenhäuser in der Stadt genäht — es ist zu vermuten, dass dieser Akt der Solidarität ein Dorn im Auge des Apparats war. Die Sicherheitskräfte der Stadt beschlagnahmten ohne weitere Begründung im Hospiz bereits zwei Beatmungsgeräte.

Und das ist nur eine der vielen traurigen Geschichten, die wir Woche für Woche lesen.

Um so empörter war der Aufschrei als der Präsident des Eishockey-Weltverbands IIHF, der Schweizer René Fasel, gestern Aleksandr Lukaschenko traf — freundlich händeschüttelnd und schulterklopfend, voller Verständnis für den «armen Diktator“. Es ging bei diesem Treffen um die geplante Ausrichtung der Eishockey-Weltmeisterschaft in Belarus und Lettland vom 21. Mai bis 6. Juni dieses Jahres.

Swetlana Tichanowskaja hatte gefordert, dass der Weltverband Belarus die WM entzieht. «Die Austragung der WM in Minsk unter den Bedingungen einer Diktatur und des Terrors wäre eine Schande für die gesamte Sportwelt“, so Tichanowskaja.

Fasel wie auch Lukaschenko sprachen im Beisein der Presse von massivem und ungerechtfertigtem Druck auf den IIHF und dass sie eine „Vermischung von Sport und Politik“ nicht zulassen würden. Und wenn dem EU-Land Lettland das nicht gefalle, „dann richten wir die Weltmeisterschaft in Belarus aus“, so Lukaschenko.

Lukaschenko konnte sich auch einen Seitenhieb auf die USA nicht verkneifen und sagte „Bei uns stürmen Protestierer und ähnliche Unzufriedene keine Regierungsgebäude und das «Capitol» von Belarus“. Leider sehen wir wieder einmal, dass das, was in den USA seit 4 Jahren geschieht eben nicht nur Innenpolitik ist, sondern Diktatoren und Autokraten auf der ganzen Welt stärkt in ihrem Selbstbewusstsein.

Heute aber wollen wir uns wieder den politischen Gefangenen zuwenden: In dieser Woche wurden 9 weitere Menschen als politische Gefangene qualifiziert vom Menschenrechtszentrum Viasna. Diese Menschen sitzen zum Teil seit Oktober bereits unschuldig in den Gefängnissen. Damit steigt die Zahl der politisch Inhaftierten auf 178. Zur Einordnung: in den vergangenen Jahren lag diese Zahl bei fünf.

Uns erreichte außerdem die Nachricht, dass Maria Kalesnikawa vom Gefängnis in Zhodino nach Minsk verlegt wurde und ihre Haft bis mindestens 8. März verlängert wurde. Für beides gab es keine Begründung. Die Anwältin von Maria erhielt keine Einsicht in die entsprechenden Unterlagen.

Vor allem aber wollen wir heute auf Igor Losik schauen, einen politischen Gefangenen der sich seit dem 15. Dezember, also seit fast einem Monat, im Hungerstreik befindet. Am 25. Juni, vor mehr als einem halben Jahr, wurde der Blogger aus Baranowitschi festgenommen unter absurden, eindeutig politisch motivierten Anschuldigungen. Die Haftbedingungen sollen unmenschlich sein. Als seine Haft zum wiederholten Male und ohne Begründung verlängert wurde, trat er in den Hungerstreik — dies sei für ihn der letzte Weg, Einfluss auf seine ungerechtfertigte Inhaftierung zu nehmen. Sein Frau hatte sich zunächst auch dem Hungerstreik angeschlossen.

Weitere politisch Inhaftierte, wie der Rechtsanwalt Maksim Znak, der Oppositionspolitiker Mikalai Statkevich und der Gründer der Belarusischen Christdemokrartischen Partei, Pavel Sevyarynets, haben ebenfalls einen Hungerstreik angekündigt.

Igors Frau berichtete kürzlich, dass der Gesundheitszustand ihres Mannes zufriedenstellend sei und dass er Wasser, Tee und Normohydron trinke, um das Wasser-Salz-Gleichgewicht im Körper wiederherzustellen. Igor wird regelmäßig gewogen, Ärzte besuchen ihn im Gefängnis, nehmen Blut ab für Tests.

Heute wurde ein Brief von Igor Losik veröffentlicht, den ich zum Ende verlesen möchte:

„Seit Beginn meines Hungerstreiks ist fast ein Monat vergangen.

Ich möchte allen meinen Dank aussprechen, die mich unterstützen. Trotz der Tatsache, dass eure Briefe seit Dienstag letzter Woche nicht mehr an mich übergeben werden, weiß ich, dass ihr mir schreibt. Ihr schreibt viel.

Allen, von denen ich Briefe erhalten habe, möchte ich sagen: Warten Sie auf meine persönliche Dankesworte, auf Zeichnungen und Neuigkeiten aus meinem Gefängnisleben.

Wahrscheinlich gibt mir der Glaube an euch sowie an meine eigene Gerechtigkeit und Unschuld die Kraft, durchzuhalten. Allen ist seit langem klar, dass meine strafrechtliche Verfolgung unbegründet ist.

Ich bitte euch alle sehr — ihr müsst mich nicht überreden, den Hungerstreik zu beenden und aufzugeben. Wie kann ich aufgeben, wenn ich länger als sechs Monate illegal festgehalten wurde? Ich habe schon die Stimme meiner Tochter vergessen. Ich verstehe, dass meine Verwandten und viele mitfühlende Menschen sich große Sorgen um meine Gesundheit machen. Aber ich kann und will nicht aufgeben. Ich bin selbst für mein Leben verantwortlich, und ich habe immer noch genügend Kraft. Ich glaube an die Kraft eurer Solidarität.“