Nachwort der Arbeitsgruppe «Christliche Vision» des belarusischen Koordinierungsrates

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Bilder aus Belarus, auf denen Frauen und Männer unterschiedlicher Berufs- und Altersgruppen, aus Klein- und Großstädten auf den Straßen und in den Höfen zu sehen sind, sind um die ganze Welt gegangen. Trotz der Angst vor maßloser Polizeigewalt gehen Belarussen immer wieder mutig auf die Straße, um für ihre basalen Rechte einzustehen und ihre Stimme gegen Willkür des Regimes, gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalttaten zu erheben. Nach inzwischen vier Monaten der Proteste werden die Stimmen der Belarussen nicht leiser.

Die Stimmen der Belarussen sind die Stimmen derer, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten (Mt 5,6). In belarussischer und russischer Sprache wird für Gerechtigkeit unter anderem das Wort „prauda“/“prawda“ [праўда, правда] verwendet, das sowohl „Gerechtigkeit/Recht“ als auch „Wahrheit“ bedeutet. In den friedlichen Protesten gehört beides – Gerechtigkeit und Wahrheit – untrennbar zusammen. „Man darf nicht mit der Wahrheit spielen, man darf sie nicht nach Maßgaben der politischen Zweckmäßigkeit beliebig verzerren und zerkleinern“, so der orthodoxe Erzbischof Artemij (Kishсhenko) von Grodno und Wolkowysk.

Durch die dreiste Propaganda der staatlichen Medien sind die Belarussen dazu aufgefordert, sich den Zugang zu den Informationen selbständig zu verschaffen. Die Belarussen sind zu Zeugen und Berichterstattern zugleich geworden. Auch im Austausch von Informationen handeln die Menschen solidarisch. Es werden Bilder und Videoaufnahmen, Mitteilungen und Kommentare in den sozialen Netzwerken sowie über Telegrammkanäle gepostet. Belarussen bleiben durstig nach Wahrheit, auch wenn das Regime Internetverbindungen blockiert, die Arbeit der Journalisten massiv einschränkt und die Menschen allein für die Beschaffung und Weitergabe der Informationen bestraft. „Die Menschen haben das Recht, die Wahrheit zu kennen. Man kann diese nicht opfern, um die politischen oder opportunistischen Interessen von irgendjemanden zu befriedigen“, so der römisch-katholische Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz von Minsk-Mahilou. Er ist ein Beispiel von vielen, die für ihre Wortmeldung für die Wahrheit vom Regime verfolgt werden. 

Bereits vor dem Beginn der Proteste haben die Belarussen solidarisch agiert, als sie bemerkten, dass sie beim Ausbruch der Corona-Pandemie auf sich selbst und aufeinander angewiesen waren und sich nicht auf die völlig unzureichenden Maßnahmen des Staates verlassen konnten. Im Laufe der Proteste haben viele Belarussen entweder ihre Arbeit verloren oder sie wurden verhaftet, brutal misshandelt und gefoltert, nicht wenige bleiben bis heute ohne triftigen Grund in Haft. Viele mussten das Land verlassen, ohne eine Gewissheit zu haben, wie es für sie weitergeht. Das Regime scheut vor nichts zurück. Kein Preis ist dem Regime zu hoch, um an der Macht zu bleiben, auch nicht das menschliche Leben, das Leben von Aliaksandr Taraikouski, Aliaksandr Vihor, Artsiom Parukau, Kanstantsin Shyshmakou, Hienadz Shutau, Mikita Krautsou, Raman Bandarenka. 

Friedliche Proteste in Belarus zeigen, dass Menschen nicht mehr wegschauen wollen und können, wenn Ungerechtigkeit geschieht. Sie können nicht einfach vorbeigehen, wenn Menschen verhaftet, gefoltert, verprügelt oder gar getötet werden, nur weil sie ihre Zivilcourage zeigen und für ihre basalen Rechte einstehen. Auch in der belarussischen Diaspora in Deutschland finden bereits unterschiedliche Aktionen und Solidaritätskundgebungen mit dem belarussischen Volk statt.

Das, was seit mehreren Monaten ca. 800 km östlich entfernt von Berliner Dom geschieht, findet eine Entsprechung in der Erzählung vom barmherzigen Samariter in Lk 10, 25-37. Belarussen widerfährt das, was dem Menschen auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho zustieß, der unter die Räuber fiel; „Die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen“. Belarussen sind beides im Gleichnis – sie sind der Verletzte, der Verprügelte, der bis zum Tode Geschlagene. Sie sind auch derjenige, der auf dem Weg vorbeiläuft und seine Mitverantwortung für den Menschen in Not verspürt und agiert, auch wenn er selbst darunter leiden wird. Belarussen sind derzeit beides – der auf Hilfe Angewiesene und der Helfende.

Im heutigen Gottesdienst sind wir alle zusammengekommen, weil wir auf unterschiedliche Art und Weise von den Geschehnissen in Belarus betroffen sind. Einige von den hier Anwesenden tragen selbst die Wunden, die durch das Regime verursacht wurden. Einige sind betroffen, weil sie den Geschehnissen gegenüber nicht gleichgültig bleiben konnten und können. Wir wollen in diesem Gottesdienst uns gemeinsam und jeder auf seiner Art für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit starkmachen.

Yauheniya Danilovich, Anna Nötzel, Natallia Vasilevich