Kirche in Belarus. Das große Schweigen

Einzelne Priester in Belarus sind mutig – sie unterstützen jene Landsleute, die gegen die gefälschte Wahl und den autoritär regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko protestieren. Die orthodoxe Kirchenführung in Belarus dagegen schweigt, seit sie selbst attackiert wurde.

Von Thomas Klatt

Als sich der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko Anfang August 2020 einmal mehr zum Wahlsieger erklärte, folgten Massenkundgebungen im Land, die brutal niedergeknüppelt wurden. Dagegen protestierte das Oberhaupt der belarussischen orthodoxen Kirche, Metropolit Pawel. Er forderte, die Gewalt zu stoppen. Zudem besuchte er verprügelte Demonstranten. Daraufhin wurde der Metropolit abberufen und nach Russland strafversetzt. Denn die belarussische Kirche untersteht der russischen Mutterkirche. Und der Moskauer Patriarch Kyrill gilt nicht nur als Putin-Freund, sondern auch als Lukaschenko-Freund. Pawels Nachfolger Wenjamin aber ist nun ganz auf Linie des belarussischen Präsidenten.

„Mittlerweile hat Wenjamin sich mehrmals mit Lukaschenko getroffen. Mehr als Metropolit Pawel in den letzten sieben Jahren. Und mit diesen Treffen leiht er Legitimität an Lukaschenko“, sagt Alena Alshanskaya, Osteuropahistorikerin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

„Für dieses Amt wünschte Lukaschenko eine absolut loyale Person. Metropolit Wenjamin ist als großer Beter bekannt. Und viele Orthodoxe dachten in dieser Situation der totalen Ungerechtigkeit, dass er im Sinne der Christenliebe und Nächstenhilfe handeln würde. Aber er versucht, diese Problematik möglichst zu verschweigen.“

Denn auch wenn die großen Massenproteste derzeit nicht mehr stattfinden, gebe es eine aktive Opposition im Lande.

Die Opposition wird verfolgt

„Man sieht immer noch einzelne kleine Demonstrationen, wo die Menschen auch mit weiß-rot-weißen Flaggen gehen. Dass die Menschen jetzt Angst bekommen. Bei solchen Demonstrationen bedecken sie auch ihr Gesicht, dass sie nicht erkannt werden“, weiß Yauheniya Danilovich. Sie hat orthodoxe und evangelische Theologie studiert und arbeitet an der Universität Münster. Die Opposition sei stiller geworden, die Unterdrückung aber gehe weiter.

„Es ist nicht mehr diese brutale körperliche Gewalt wie im August oder noch im Herbst, sondern dass sind eher die Repressalien durch die Gerichtsprozesse, die jetzt stattfinden. Die Menschen werden meist nach dem Artikel 23 (Abs. 34) verurteilt. Es geht um die Teilnahme an nicht genehmigten Demonstrationen.“

Viele Oppositionelle hätten bereits das Land verlassen. Wem die Flucht nicht geglückt sei, drohe Gefängnis. Derzeit säßen mehr als 250 politische Gefangene in Haft. Oft in völlig überfüllten Zellen.

 „Man bekommt nicht genügend warme Decken oder Matratzen. Manchmal wird in solchen Zellen das Wasser abgestellt, dass die Menschen nicht das Klo runterspülen können. Die Heizung wird abgestellt. Der Staat ist nach wie vor nicht bereit, den Dialog anzufangen mit der Bevölkerung.“

Keine Widerworte der Kirchen

Die orthodoxe Kirchenführung aber schweige zu alldem. Sie hätte gar kein Interesse, mäßigend auf Polizei und Militär einzuwirken, vermutet die Mainzer Theologin und Historikerin Alena Alshanskaya.

„Orthodoxe Priester bekamen den Zugang zur Armee, zu Militärstrukturen. Woher kommt diese Brutalität? Was haben wir für orthodoxe Priester? Was haben die da gepredigt? Und ich vermute: gar nichts! Da wurden vermutlich höchstens Waffen oder Autos gesegnet.“


Alexander Lukaschenko und Metropolit Wenjamin besuchen am 14. Januar 2021 gemeinsam die Beerdigung des Metropoliten Filaret von Minsk und Slutsk.  (Imago / Andrei Stasevich )

Metropolit Wenjamin stellt sich an Alexander Lukaschenkos Seite (Imago / Andrei Stasevich )

Andersherum versuche der neue Metropolit Wenjamin, beschwichtigend auf die Jugend einzuwirken. So würden seine Auftritte etwa in Kadettenschulen oder an Universitäten geradezu inszeniert. Doch die Kirchenführung habe längst den Kontakt zum Volk verloren.

„Da fehlen der Kirche die Kompetenzen. Die Jugendlichen bekommen ihre Informationen jetzt nicht aus dem Staatsfernsehen und nicht von den offiziellen Webseiten der Kirche. Sie nutzen Internet. Jugendliche sind gerade sehr sensibel für diese Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was die Obrigkeit deklariert.“

Auch die römisch-katholische Kirche lege sich nicht offen mit Lukaschenko an. Trotz des Leids und der Brutalität gegen die belarussische Opposition, der Vatikan schweige.

„Vor diesem Hintergrund kann man die Position des Vatikans schwer nachvollziehen. Weiterhin ist die belarussische Bevölkerung über die diplomatischen Beziehungen zu der nicht legitimierten Regierung Lukaschenko tief bestürzt. Zum Beispiel die Übergabe des Beglaubigungsschreibens des neuen apostolischen Nuntius an Lukaschenko. Und der Nuntius wurde in Staatsmedien mit einem Glas Sekt beim Small Talk mit Lukaschenko gezeigt. Und dies wurde als Zustimmung zu Lukaschenkos Regime gewertet.“

„Erlöse uns von dem Lukaschenko“

Ganz anders sei dagegen das Verhalten einzelner Priester an der Basis. Dort gebe es, wenn auch nur punktuell, eine gewisse Unterstützung für die Opposition. Die Münsteraner Theologin Yauheniya Danilovich:

„Es gibt einen berühmten Priester, Alexander Kuchta. Er ist ein Blogger. Er macht kurze Videos auf YouTube, und er war an den Protesten insofern beteiligt, dass er Seelsorge für die Menschen angeboten hat. Und zum Beispiel auch eine Bürgschaft abgelegt hat für den politischen Gefangenen Ihar Losik. Der war im Hungerstreik, 42 Tage.“

Zudem seien die Proteste gegen Lukaschenko auch religiös motiviert. So ist die belarussische Gesellschaft nicht nur christlich geprägt, sondern auch von Märchen, Mythen und Sagen. Etwa, dass eines Tages eine Prinzessin kommen wird, um den Drachen zu töten. Das wird heute auf die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja gemünzt, die den Diktator zur Strecke bringen soll. Auf Demonstrationen werden außerdem kirchenslawische Lieder gesungen. Auch Gebete spielen eine Rolle.

„Das religiöse Motiv in den Protesten ist wahrzunehmen. Bekannt ist das Plakat des letzten Satzes aus dem Vaterunser, auf Kirchenslawisch, auf Deutsch; erlöse uns von dem Bösen. Und das letzte Wort lukawawa hat Anspielung zu: Erlöse uns von dem Lukaschenko.“

In Belarus kursiert ein Spruch: „Wenn die Kirche den Staat heiratet, dann bleibt sie kinderlos.“ Solange es der orthodoxen Kirche allein um den institutionellen Machterhalt gehe, verliere sie den Kontakt zum Kirchenvolk. Die politische Krise könnte aber auch eine Chance für die Kirche sein, sich endgültig vom Regime Lukaschenko zu trennen. Falls die friedliche Revolution in Belarus endlich zum Erfolg führe, sagt die Theologin Yauheniya Danilovich.

„Ich glaube, das wird ein Marathonlauf sein für die Belarussen. Die meisten empfinden sich in der Dunkelheit und hoffen auf den Sonnenaufgang. Aber Lukaschenko hat auch einen langen Atem.“

Der Beitrag basiert auf einer Zoom-Veranstaltung mit dem Titel „Die Kirchen in Belarus – zwischen Politik und Glauben“ am 2. März 2021. Es handelt sich dabei um eine Kooperationsreihe mit dem Titel „Listen to the East!“, die die Katholische Akademie in Berlin und katholische Hilfswerk Renovabis in Freising gemeinsam durchführen. Einen Mitschnitt der Veranstaltung auf Youtube finden Sie hier:

Deutschlandfunk