Predigt von Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin)

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Vorsitzender der Unterkommission für Mittel- und Osteuropa (insbesondere Renovabis) der Deutschen Bischofskonferenz, beim ökumenischen Friedensgebet für Belarus am 13. Dezember 2020 im Berliner Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14). In der angespannten Friedlosigkeit unserer Tage ist dieser weihnachtliche Ruf der Engel vielen Menschen fremd. Die Zahl der am Coronavirus und seinen Folgen Erkrankten wächst, noch mehr bangen um ihre gesundheitliche Sicherheit. Wir sind in vielen unserer Freiheiten stark begrenzt. Die wirtschaftliche Unsicherheit zeichnet das Leben vieler Menschen. Die medizinische Versorgung kommt an ihre Grenzen. Vor allem prägt eine ethische Unsicherheit die Grundatmosphäre unserer Tage: Was geschieht, wenn Menschen nicht mehr mit der nötigen Intensität in unseren Krankenhäusern behandelt und gepflegt werden können? Selbst das Vertrauen auf engste Familienangehörige und Freundinnen und Freunde ist für viele in Gefahr: Werden Sie mich in der Krankheit allein lassen, vielleicht mich sogar allein sterben lassen? Wir spüren die Friedlosigkeit unseres Lebens und wie dünn und zerbrechlich, ja oftmals zerbrochen der Frieden ist.

Noch viel dramatischer erleben wir den Unfrieden in den letzten Monaten in Europa in Belarus. Mit Gewalt, Repressionen und Einschüchterungen versuchen die Machthaber die Menschen in ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Frieden zu unterdrücken. Seit der Präsidentschaftswahl am 9. August dieses Jahres gab es mehr als 30.000 Verhaftungen. Auch die Einschüchterung und Unterdrückung der Kirchen prägt das Verhalten der Machthaber aus Angst vor allen, die frei denken. Die Protestierenden sind bisher weitgehend friedlich geblieben. Die Kirchen versuchen immer wieder zu deeskalieren. Sie rufen: „Überwindet das Böse mit dem Guten“.

Ist das zu politisch? Machthaber Lukaschenko sagt: „Die Menschen sollten in die Kirchen kommen, um zu beten. Kirchen sind nicht für die Politik da. Die Menschen sollten mit ihrer Seele dorthin kommen, so wie es immer war.“ Demgegenüber formulierte der Minsker Weihbischof Yury Kasabutski, der auch Generalvikar der Erzdiözese Minsk ist, in einer Predigt: „Wenn wir heute sagen, dass wir gegen Gewalt sind, ist das Politik? Wenn wir heute sagen, dass wir gegen Folter sind, ist das Politik? Wenn wir jeden Tag beten, dass es so etwas in unserem Land niemals geben soll, ist das Politik? Wenn wir sagen, wir wollen in Wahrheit, in Ehrlichkeit, in Wohlwollen leben, ist das Politik?“

Jesus sagt in den Seligpreisungen: „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (aus Mt 5,3–12). Ist das politisch oder weltfremd? Oder ist es nicht göttlich und zutiefst menschlich?

Was können wir hier angesichts dieser Situation in unserer Freiheit und in unserer Friedensverantwortung tun?

Wir können unsere Solidarität mit den Menschen, die unter Gewalt leiden, zum Ausdruck bringen. Ihr seid in Belarus nicht allein, wir stehen zu Euch! Solidarität kennt keine Grenzen, Solidarität stärkt, Solidarität macht Mut. Ihr sollt aber auch wissen, dass Euer Verhalten uns Kraft, Mut und Zuspruch ist. Unsere Solidarität ist keine Einbahnstraße, wir leben miteinander und füreinander. Wir in Deutschland lernen von den Menschen in Belarus in diesen Tagen, wie wertvoll Demokratie und Meinungsfreiheit sind und wie wenig wir sie für selbstverständlich erachten dürfen. Und wir lernen, dass Kirche mutig sein muss und bereit, Stellung zu beziehen, wo die Menschenwürde und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.


Die friedvollen Proteste um der Menschen und ihrer Freiheit willen sind uns Ansporn, Jesu Botschaft und sein Vorbild in unser Herz aufzunehmen und immer mehr selbst Menschen des Friedens zu werden. Friede ist nicht, er wächst immer mehr, oder er zerfällt. Deshalb stärken wir den Frieden auch in unserem Land, in unserer Gesellschaft, gerade in der Not der Corona-Zeit. Solcher Friede wächst, wenn wir das Leben und den Frieden miteinander teilen und vor allem die nicht aus den Augen verlieren, die es in diesen Zeiten besonders schwer haben.

Wir beten um den Frieden. Der Friede ist letztlich ein Geschenk, er ist gute Gabe Gottes. Wir wollen um den Frieden beten, um den Frieden auf unserer Welt, um den Frieden in Belarus und um den Frieden in unseren Herzen. Es gibt die friedvolle Macht des Gebetes. Wer von uns ahnt schon, wie viel diese Macht des Gebetes bewirken kann? Wir beten weiter auch für den Frieden und die Freiheit in Belarus.

Und wir stehen schließlich ein für die Verheißung des Friedens. An Weihnachten künden die Engel den Frieden auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14). Von diesem Frieden wollen wir künden in unseren Worten, in unseren Gedanken und in unseren Taten. Diese Verheißung dürfen wir um der Menschen willen nie verschweigen.

Wir stehen im Dienst des Friedens in Belarus und in Deutschland, wir stehen miteinander und füreinander ein. So wird Weihnachten auch heute Wirklichkeit. So wird auch aus unseren Nächten heute eine Weih-Nacht, weil in der Nacht Gott Mensch geworden ist um des Friedens und der Freiheit für alle Menschen willen.

Es gilt das gesprochene Wort!