Die Gebote und das Gesetz enthalten in ihrem Kern Liebe, wir aber halten vorerst mit dem Glauben und der Hoffnung durch!

Беларуская

Der Vortrag der Theologin Natallia Vasilevich bei der Sitzung der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche von Norddeutschland (13. November, Bremen), in dem sie die Anwesenden mit der Geschichte des politischen Gefangenen reformierten Intellektuellen Uladzimir Matskevich vertraut machte und seinen Brief an die Synode vorgelesen hat.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich bedanke mich für die Einladung und die Möglichkeit, heute vor der Synode des VIII. Synodalverbandes der Evangelisch-reformierten Kirche über die Situation in meinem Heimatland Belarus zu berichten und Sie auf den Fall eines verfolgten reformierten Intellektuellen, Uladzimir Matskevich, aufmerksam zu machen.

Uladzimir Matskevich ist ein Philosoph und, wie er sich selbst definiert, Methodologe. Er wurde 1959 in Sibirien geboren, wohin die beiden Familien seiner Eltern deportiert wurden. In Russland hat er sich nach seinem Psychologiestudium einem Kreis des russischen Methodologen Georgy Shchedrovitski angeschlossen. Er kehrte 1994 nach Belarus zurück, in dem Jahr, als der populistische Diktator Aliaksandar Lukashenka das Präsidentenamt zum ersten Mal antrat, um es für Jahrzehnte zu besetzen. Und das war die Zeit, in der Matskevich sein philosophisches Credo “Belarus denken“ wählte. Faktisch war es eine Paraphrase des wichtigsten politischen Credos der demokratischen Bewegung dieser Zeit, nämlich die Proklamation „Es lebe Belarus!“

Für Matskevich ist die Philosophie einerseits kein Bereich abstrakter Konzepte, sondern ein Werkzeug für tatsächliche Tätigkeit und Praxis. Andererseits können laut ihm, keine Aktivitäten oder Praktiken ohne kritisches philosophisches Denken erfolgreich sein.

Seit 2000 ist Matskevich ein aktiver Teilnehmer der christlichen Gemeinschaft in Belarus. Er wurde Anhänger des reformierten Christentums und schloss sich einer kleinen reformierten Gemeinde in Minsk an. Diese Wahl war für das überwiegend orthodoxe und katholische Belarus ziemlich ungewöhnlich, aber im 16. Jahrhundert blühte die reformierte evangelische Tradition unter der intellektuellen Elite auf.

Matskevich war fasziniert nicht nur von der Idee der Souveränität Gottes, sondern auch davon, dass jeder Mensch aus Gnade zu einem bestimmten Beruf berufen ist, in dem er oder sie Gott dienen kann. Für Matskevich sind seine philosophischen, pädagogischen und politischen Aktivitäten eine solche Berufung.

Als ich Matskevich um die Jahrhundertwende zum ersten Mal traf, begann ich erst meinen eigenen Weg sowohl im christlichen Glauben als auch in der Welt der belarussischen Intellektuellen. Sein christliches Zeugnis, seine theologische Reflexion und die Fähigkeit, sich feinfühlig auf Bilder und Ideen aus der Bibel zu beziehen, waren für mich, orthodoxe Christin, ein Beispiel dafür, wie sich religiöser Glaube und Treue zu den christlichen Prinzipien einerseits und intellektueller Diskurs andererseits gegenseitig bereichern können. In der intellektuellen Landschaft des postsowjetischen Belarus war es für mich ein seltenes Beispiel christlicher Kreativität. Und nach zwanzig Jahren, die seitdem vergangen sind, bleibt Matskevich in seinen philosophischen Texten, seinem Meinungsjournalismus und seinen öffentlichen Reden weiterhin eine christliche Stimme und macht das Christentum für die zeitgenössische belarussische Gesellschaft relevant.

Von 2002 bis 2006 beteiligte sich Matskevich an der Bürgerinitiative “Für Religionsfreiheit“, die Religionsfreiheit in Belarus verteidigte und sich gegen Änderungen im Gesetz „Über die Religionsfreiheit und religiöse Organisationen“ (2002) wandte, die die staatliche Politik im Bereich der Religion wesentlich repressiver machten. Im Jahr 2006 bin ich selbst dieser Initiative beigetreten und engagiere mich immer noch für die Religions- und Glaubensfreiheit. Beispielsweise führt unsere Gruppe „Christliche Vision“, zu der ich gehöre, ein regelmäßiges Monitoring der Verletzung von Rechten und Freiheiten der Einzelpersonen und Gemeinschaften im Zusammenhang mit ihrer Religionszugehörigkeit und ihren Überzeugungen im Kontext der gegenwärtigen politischen Krise durch.

Die Religionsfreiheit war für Matskevich eines der wichtigsten und fundamentalsten Menschenrechte. 2006 schloss er sich dem Fasten-/Hungerstreik der Gläubigen der „New Life Full Gospel Church“ an und verbrachte 23 Tage mit ihnen. Darüber hinaus beteiligte er sich aktiv an der strategischen Planung dieses religiös-politischen Aktes. Diese radikale Methode war für die Gemeinde die letzte Möglichkeit ihre aus einem stillgelegten Kuhstall umgebaute Kirche zu verteidigen.
Fünfzehn Jahre lang hatten die staatlichen Behörden versucht, diese Kirche den Gläubigen weg zu nehmen. Dank des Hungerstreiks und einer breiten öffentlichen Solidaritätskampagne konnte die Gemeinde ihre Kirche verteidigen, bis ihnen diese während der Repressionswelle 2020-2021 gewaltsam weggenommen wurde. Nun versammelt sich die Gemeinde für das Gebet draußen, auf dem Parkplatz vor der Kirche, zu der sie keinen Zugang mehr hat.

Nun möchte ich Ihnen den Brief von Uladzimer Matskevich an Sie, die Sie hier in Bremen versammelt sind, vorlesen. Letzte Woche erfuhr Matskevich über die Solidaritätsbriefe der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen zur seiner Unterstützung und auch darüber, dass ich auf der Synode des Synodalverbandes VIII der Evangelisch-reformierten Kirchen über seinen Fall sprechen werde. Er leitete an mich diesen Brief weiter, den wir ins Deutsche übersetzten:

“Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
ich bin Ihnen dankbar für die Unterstützung und Gebete für alle Belarussen, die gerade Heimsuchungen ertragen!
Eine der wichtigsten Errungenschaften der Reformation sind Achtung und Entfaltung der Individualität des Menschen. Nach dem Dogma der „Erbsünde“ trägt jeder Mensch individuelle Verantwortung und jeder hat Recht auf ein gerechtes Urteil und Gerechtigkeit. Persönliche, individuelle Beziehungen zu Gott erlauben es nicht, einen Menschen für die Taten seiner Vorfahren und Zugehörigkeit einer bestimmten Gemeinschaft zu verurteilen.

Wenn das geschieht, so bedeutet das einen Eingriff auf das Vorrecht Gottes. Keinem Menschen ist es erlaubt, unabhängig davon, über welche Macht er verfügt. Christliche Haltung bezüglich der Achtung der Macht und des Staates, so wie es Paulus mehrmals in seinen Briefen betont, überträgt sich nicht auf die Macht, die sich göttliche Autorität anmaßt.
Das belarussische Regime beraubte die Bürger einer gerechten Justiz und löschte Gerechtigkeit aus. Ich denke, jede Christin und jeder Christ kann leicht unterscheiden zwischen christlichen Geboten und Demagogie, die die verbrecherischen Mächte manchmal einsetzen. Es ist traurig, dass nicht alle christlichen Konfessionen in Belarus eine authentische christliche Position gegenüber dem Regime eingenommen haben, das die Gebote und das Gesetz mit Füßen tritt.

Die Gebote und das Gesetz enthalten in ihrem Kern Liebe, wir aber halten vorerst mit dem Glauben und der Hoffnung durch!

Mit herzlichen Grüßen,
Uladzimir Matskevich”

Matskevich hat Recht, dass viele Christen und Christinnen in Belarus Menschenrechte und Freiheiten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit immer noch nicht als ihre Prioritäten haben. Wir sind noch auf dem Weg, eine politisch bewusste, kritische und sozial engagierte Theologie zu entwickeln. Bei den Ereignissen des belarussischen demokratischen Umbruchs gehörten Christen und Christinnen sowie Kirchen nicht zur Avantgarde. Jedoch die beispiellose Gewalt, Gesetzlosigkeit, Repressionen und Terror, zynische und offene Missachtung von Wahrheit und Gerechtigkeit sowie Menschenrechtsverletzungen durch das
Diktatorregime forderten auch die christliche Gemeinschaft von Belarus heraus.

Das Regime versuchte, Kirchen durch Angst und Manipulationen als Institutionen der Loyalität gegenüber einem „starken Führer“ zu instrumentalisieren. Aber zum ersten Mal in unserer modernen Geschichte erhoben Priester und Pastoren, Theologen und christliche Aktivisten verschiedener christlicher Konfessionen ihre Stimme, predigten über Wahrheit und Gerechtigkeit, Nächstenliebe und die Notwendigkeit, das Böse im Kontext der gegenwärtigen politischen Situation beim Namen zu nennen. Als sie ihre Angst abgelegt hatten, waren sie Seite an Seite mit anderen Aktivistinnen und Aktivisten bei friedlichen Demonstrationen, als Ehrenamtliche vor den Gefängnismauern, trösteten Gefolterte und Gefangene, beteten neue Gebete für Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden. Einige wurden inhaftiert, einige wurden gewaltsam ihres Amtes enthoben, viele wurden eingeschüchtert, bedroht, durchsucht, mussten ihre sozialen Netzwerke löschen oder sogar vor Verfolgung ins Exil fliehen.

Durch Angst, Schwäche, Manipulation, Gewalt und Verfolgung ist es den Behörden gelungen dafür zu sorgen, dass die meisten Kirchenführer in Belarus das autoritäre Regime entweder durch Schweigen oder durch Worte und Taten unterstützen. Die orthodoxe Kirchenleitung hat einen besonders schlimmen Weg eingeschlagen, indem sie sich zugunsten des Regimes missbrauchen lässt, sodass sie für die Bevölkerung wie eine Dienerin des Regimes aussieht, obwohl Hunderte orthodoxe Priester und Tausende Laien sich gegen die Willkür ausgesprochen und gehandelt haben.

Als ihre Bischöfe sich an die Seite der Verfolger stellten, begannen die orthodoxen Christen, sich selbst in Gruppen zu organisieren und es bildete sich ein Netz an horizontalen Beziehungen. Sie vermeiden die Gemeinden, in denen Priester dem Regime dienen. Sie wenden sich öffentlich an Bischöfe, um ihnen zu sagen, wie man nach dem Evangelium zu handeln hat und dass die 10 Gebote immer noch zu befolgen sind. Sie schreiben öffentliche Petitionen, obwohl sie keine Antwort erhalten. Sie lernen, selber über ihren Glauben, über Wahrheit und Gerechtigkeit Zeugnis abzulegen, ohne die Sanktionen von oben abzuwarten. Was ist das, wenn nicht eine neue Reformation?

Matskevich hat auch Recht, dass die christlichen Gebote einfach und verständlich sind, und wahrscheinlich sind sie eine Basis für die Vereinigung und das gemeinsame Wirken der Gläubigen unterschiedlicher Konfessionen.

Wahrscheinlich beginnt so auch die wahre ökumenische Bewegung in Belarus, in der jede Tradition einen positiven Beitrag für das gemeinsame Wohl der ganzen Gesellschaft leistet. Eine von solchen wichtigen Initiativen ist die Gruppe „Christliche Vision“, die ich heute vertrete.

Hier, in Belarus, hören wir oft, dass die wichtigsten christlichen Tugenden Demut und Gehorsam gegenüber der Macht, der kirchlichen und weltlichen, sind. Aber wenn sowohl die eine als auch die andere Macht sich auf Gewalt, Druck, Ungerechtigkeit, Lüge und Manipulation gründen, so können Christen nicht nur, sondern sie müssen dem Bösen den Widerstand leisten. Für uns Christen in Belarus ist die Stimme unserer Brüder und Schwestern aus dem Ausland zur Unterstützung der demokratischen Bewegung in Belarus heute wichtig. Dies bekräftigt uns in der Überzeugung, dass das Christentum nicht nur auf Rituale, persönlichen Glauben, Sexualmoral und asketische Abstinenz begrenzt ist, sondern dass es ohne gesellschaftliche Aktivität zum Wohle des Anderen und der ganzen Gesellschaft nicht existieren kann. Solange es Leid, Schmerz und Tränen gibt, kann das Christentum nicht neutral bleiben. Das Christentum ist nicht der Bereich der abstrakten Konzepte, sondern das Instrument für die tatsächliche Tätigkeit und Praxis.