Belarus: Dank für Fürbitte und Worte der Unterstützung

Interview mit Pastor Wladimir Tatarnikow aus Grodno

GRODNO, Belarus/GENF (LWI) — Wladimir Tatarnikow ist der einzige Pastor für die evangelisch-lutherischen Gemeinden in ganz Belarus. Seit den Präsidentschaftswahlen im August 2020 kommt es im Land immer wieder zu Protesten. Eine der Gemeinden, die Tatarnikow betreut, befindet sich in Grodno, das im Westen von Belarus, nahe der polnischen und litauischen Grenze liegt.

Im Interview blickt Tatarnikow auf die vergangenen Monate zurück, berichtet über seine Erfahrungen und gibt Einblicke in die Rolle der kleinen lutherischen Kirche in Belarus.

Wie war die Situation im August 2020, kurz nach den Präsidentschaftswahlen?  

Massenproteste und Vorwürfe über gefälschte Wahlen begannen, und die Sicherheitskräfte reagierten mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen im ganzen Land. Hier in Grodno öffneten die lutherischen, römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen ihre Türen, damit die Demonstrierenden Schutz finden konnten.

Die lutherische Johanniskirche liegt im Zentrum von Grodno. Direkt neben der Kirche befindet sich die zentrale Polizeistation für die Stadt und den Bezirk. Alle Kirchen der Stadt, auch unsere, läuteten ihre Glocken. Es war unser ökumenischer Appell an die Polizei, die Demonstrierenden nicht zu schlagen. Das war notwendig, weil die Menschen, die in der Stadt unterwegs waren, ob auf dem Heimweg oder anderweitig, von den Sicherheitskräften geschlagen und verhaftet wurden. Die Kirchen waren offen für alle, die Schutz suchten, und natürlich für das Gebet.

In den folgenden Monaten gab es immer wieder Proteste in Belarus. Wie ist die Situation heute?

Ja, die Proteste gehen weiter. Seit August wurden bereits etwa 30.000 Menschen verhaftet oder ins Gefängnis gesteckt. Viele mehr wurden aus ihren Jobs entlassen oder von den Universitäten verwiesen. Alles wegen ihrer politischen Überzeugungen.

Wir haben lutherische Gemeinden in mehreren Städten des Landes. In unserer Gemeinde in der Hauptstadt Minsk zum Beispiel finden derzeit keine regelmäßigen Gottesdienste statt, weil die Metro geschlossen ist und der Verkehr im Stadtzentrum während der Protestaktionen abgesperrt ist. In der aktuellen Situation kann es passieren, dass jemand zum Laden geht, um Brot zu kaufen, und dann die Nacht im Gefängnis verbringt.

Bitte beschreiben kurz das Umfeld der lutherischen Kirche in Belarus.

Die größte Kirche in Belarus ist die orthodoxe Kirche, gefolgt von einer kleinen römisch-katholischen Kirche. Unsere evangelisch-lutherische Kirche ist eine kleine Minderheitskirche und hat eine komplizierte Geschichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Kirchengemeinde in Grodno zum Konsistorium in Warschau. Nach dem Krieg löste das kommunistische Regime die Gemeinde auf, und das Kirchengebäude wurde als Stadtarchiv genutzt. Alle lutherischen Gemeindemitglieder wurden unter Stalin nach Kasachstan oder Kirgisien deportiert. Heute haben wir Gemeinden in Minsk, Vitebsk und Grodno. Hier haben wir auch das einzige lutherische Kirchengebäude im Land.

Wie sieht das Verhältnis zwischen der Kirche und staatlichen Institutionen aus?

Wir pflegen gute Beziehungen zum Bürgermeister von Grodno, aber es gibt gewisse Hindernisse im Land. Wir sind keine Kirche im rechtlichen Sinne, weil wir zu wenige Gemeinden haben. Wir dürfen keine ausländischen Pastoren zu den Gottesdiensten einladen – auch nicht aus Russland – , und wir können auch keine Vereinbarungen mit Vertretern anderer lutherischer Kirchen aus dem Ausland auf belarussischem Territorium treffen. Außerdem muss jede Hilfe, ob finanziell oder materiell, den zuständigen Stellen gemeldet werden. Die Unterstützung, die wir annehmen dürfen, ist eingeschränkt. Wenn unsere Geschwister aus dem Ausland Geld spenden, um die Strom- und Wasserrechnungen zu bezahlen, werden darauf 18 Prozent Steuern erhoben. Und alle Veranstaltungen, die keine Gottesdienste sind, sondern zum Beispiel Konzerte, müssen von der Stadtverwaltung genehmigt werden.

Auf nationaler Ebene: Wie ist die lutherische Kirche organisiert?

Die meisten unserer Gemeindemitglieder sind Weißrussen, die sich der lutherischen Kirche angeschlossen haben, weil sie an der Botschaft der Reformation interessiert sind. Wir haben auch einen deutschen, einen estnischen und einen finnischen Zweig. Wir fühlen uns geistlich mit dem Bund der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Russland und anderen Staaten verbunden. Auf diesem Wege sind wir auch mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) verbunden.

Ich bin der einzige Gemeindepastor in ganz Belarus. Außerdem gibt es zwei Diakone – in Grodno und Vitebsk. Langsam aber sicher planen wir, weitere Gemeinden zu gründen.

Was bedeutet es für Ihre Kirche, Teil des Lutherischen Weltbundes zu sein?

Zuerst möchte ich allen unseren Glaubensgeschwistern ein großes Dankeschön sagen. Wir haben viele Briefe, E-Mails und Nachrichten mit Worten der Unterstützung erhalten. Vielen Dank für alle Gebete. Sie sind sehr wichtig für uns.

Unser Land ist mit drei Krisen auf einmal konfrontiert: Es gibt eine Wirtschaftskrise, es gibt eine politische Krise und es gibt die Coronavirus-Pandemie. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Niemand hätte sich diese Entwicklungen in Belarus vor sechs Monaten im August 2020 vorstellen können.

Was uns Kraft gibt, ist die Unterstützung von Kirchen aus der weltweiten lutherischen Gemeinschaft. Wir sind eine kleine Kirche in Belarus, aber wir spüren eure Gebete! Vielen Dank an alle, die den Menschen in Belarus durch unsere Kirche helfen.

Von LWB/A. Weyermüller. Deutsche Übersetzung und Redaktion: LWB/A. Weyermüller

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